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Kreativ im Lockdown?! Warum Du diese Zeit nicht „nutzen“ musst…

Eigentlich hatte ich für heute einen ganz anderen Artikel geplant. Aber nun beschäftigt mich wieder verstärkt ein Thema, über das ich mich schon im ersten Lockdown geärgert habe. Dir ist es vielleicht auch schon begegnet: Menschen, die (auf Instagram oder im echten Leben) der Meinung sind, den Lockdown könne man doch ganz wunderbar für all die kreativen Tätigkeiten nutzen, zu denen man vor der Pandemie nie gekommen ist: Bananenbrot backen, eigenen Sauerteig ansetzen, sich Kleidung nähen und stricken, Aquarellmalerei lernen und so weiter.

So ein Blödsinn.

Es macht mich wirklich wütend, wenn ich so etwas lese oder höre. Denn im Frühjahr, als wir zum ersten Mal alle zu Hause bleiben sollten, hatte ich zu Anfang ähnliche Vorstellungen. Schließlich war nicht nur Lockdown, sondern ich war auch noch schwanger und in Kurzarbeit, die nahtlos in den Mutterschutz überging. Anfang April war bereits absehbar, dass ich wohl bis zum errechneten Geburtstermin im August nicht mehr wirklich etwas zu tun haben würde. So viel Zeit hatte ich noch nie gehabt. Natürlich hatte ich den Anspruch, sie intensiv kreativ zu nutzen – schließlich rechnete ich auch damit, ab August zu nichts mehr zu kommen.

Meine Vorstellung von diesen Monaten war eigentlich sehr positiv: Entspannt würde ich am Wohnzimmertisch Aquarellfarben malen, auf dem Sofa Babykleidung stricken, zwischendurch bei kleinen Spaziergängen wieder Inspiration sammeln. Ein Art Journal nach dem anderen würde ich füllen, um Schwangerschaft und Pandemie angemessen für später zu dokumentieren. Es fühlte sich gut an, nicht stressig.

Und trotzdem saß ich dann in der Realität tagelang wie gelähmt auf dem Sofa, schaute Netflix und scrollte durch Instagram, wobei ich mir einredete, ich würde nur ein wenig Inspiration tanken bevor es losging.

Irgendwann brach ich in einem Gespräch mit einer guten Freundin in Tränen aus und erzählte, dass ich diese Lockdown-Zeit gerade nur verschwendete, wo ich doch so viele Pläne dafür gehabt hätte. Die Freundin sah mich stirnrunzelnd an und fragte dann, ob ich nicht der Meinung sei, ich hätte da ein wenig zu hohe Ansprüche.

Nein, sagte ich, ich habe doch nichts zu tun, da kann ich doch die Zeit auch nutzen.

Du hast vielleicht nichts zu tun, sagte meine Freundin, aber du bist schwanger und es ist Pandemie. Mit nur einem von beiden wäre man mental eigentlich ausgelastet, meinst Du nicht? Wenn beides zusammenkommt, ist es doch kein Wunder, dass Dein Kopf nicht auch noch Platz für Aquarellmalerei hat, oder?

Tatsächlich hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich darüber nachgedacht. Auch die mentale Bewältigung von großen Veränderungen und einschneidenden Erlebnissen kostet Kraft – und zwar nicht zu wenig! Logisch, dass diese Kraft dann nicht mehr zur Verfügung steht, um noch neue Hobbys auszuprobieren oder sich kreativ weiterzuentwickeln.

Jetzt, in der zweiten Runde Lockdown, sind meine Tage deutlich voller. Meine Tochter ist jetzt fünf Monate alt und wäre auch ohne Lockdown noch ganztägig zu Hause. Von (eigenen oder fremden) Ansprüchen, diese Zeit kreativ zu nutzen, bin ich daher dieses Mal weitestgehend verschont geblieben. Aber eben nicht ganz.

Denn es bleibt ja, auch wenn wir kleine Kinder und (Homeoffice-)Jobs haben, dennoch eine große Lücke in unserer Freizeitgestaltung. Wir können uns nicht mit Freunden treffen. Kaffee trinken, Essen gehen, gemeinsame Spielplatz- oder Kinobesuche, Skiurlaub und so weiter: Alles gestrichen. In der Regel sitzen wir abends allein oder eben zu zweit im Wohnzimmer. Und schon begegnen uns auf Instagram wieder die Stimmen, die finden, wir sollten jetzt noch Sauerteig ansetzen oder Zopfstrickmuster lernen.

Lass Dich bitte, bitte nicht unter Druck setzen.

Lockdown-Zeit ist keine Freizeit. Die Situation, in der wir derzeit leben, verlangt uns unheimlich viel ab. Wenn Deine Energie jeden Tag um 16 Uhr aufgebraucht ist, geht es Dir genau wie uns allen. Dass Du am Abend vielleicht keine To Dos mehr hast, bedeutet nicht, dass Du diese Zeit irgendwie nutzen solltest – oder, dass Du faul und unproduktiv bist, wenn Du es nicht tust. Es ist Pandemie. Es ist Ausnahmezustand. Du musst Dich und Deine Familie da irgendwie durchbringen, aber ansonsten musst Du gar nichts. Wenn Du gerade die Kraft nicht findest, kreativ zu sein, zweifle deshalb bitte nicht an Deiner Kreativität. Deine innere Künstlerin ist ein Sensibelchen. Unter Stress und Druck verkriecht sie sich gerne. Lass ihr Zeit und wirf ihr – und Dir – das nicht vor. Du lebst in einer traumatischen Zeit. Es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um Ansprüche an Dich und Deine Kreativität zu stellen.

Wenn also der Gedanke, jetzt „auch noch kreativ sein zu müssen“, Dich gerade stresst und unter Druck setzt, dann lass es! Lass den Anspruch los, dass Du das jetzt auch noch schaffen musst. Es kommt wieder eine leichtere Zeit.

Wenn Du andererseits das Gefühl hast, dass Dir Deine Kreativität bei der Stressbewältigung helfen kann, dann kannst Du das natürlich nutzen! Ich kann mich beim Stricken zum Beispiel sehr gut entspannen. Auch mein Art Journal hilft mir, die aktuelle Situation zu verarbeiten. Wenn Du ein kreatives Hobby hast, bei dem Du entspannen kannst, dann versuche, Dir auch in dieser Ausnahmesituation zumindest ab und zu Zeit dafür zu nehmen. Lass dabei aber alle Ansprüche los, Du müsstest mehr schaffen als sonst, Du müsstest etwas Neues lernen oder Du müsstest Dich jetzt kreativ weiterentwickeln.

Ich habe zum Beispiel geglaubt, eine so prägende Phase in meinem Leben würde sich in besonders tiefgründigen, emotionalen und künstlerisch wertvollen Art Journal-Seiten zeigen. Tatsächlich ist es aber momentan so, dass ich mich im Art Journal lieber mit Themen beschäftige, die mit der Pandemie nichts zu tun haben. Vielleicht kommt das später noch – vielleicht auch nicht. Es entspannt mich jedenfalls mehr, wenn ich mich darin mit (meistens) leichteren und abstrakteren Themen befasse. Und das ist okay so.

Ob Du also gerade so gar nicht kreativ sein kannst, oder ob Du Deine Kreativität nutzt, um die Situation zu bewältigen: Beides ist okay. Und in beiden Fällen gilt: Lass Deine Ansprüche los. Tu, was Du kannst und was Dir gut tut. Den Rest lässt Du bleiben.

Es ist Pandemie. Dein Kopf hat genug zu tun. Du musst gar nichts.

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